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Nr. 774 Aufgeschobene Rentenversicherung Uns geht es richtig gut. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im ersten Quartal 2011 um stolze 1,5 % gewachsen. Die Steuereinnahmen sprudeln wie selten. Und die Zahl der Arbeitslosen sinkt unter die Marke von drei Millionen. Bleibt nur noch eine unbequeme Frage: Wann, wenn nicht jetzt, wollen wir endlich einmal anfangen zu sparen? Ein Blick in die bundesrepublikanische Geschichte zeigt: In keinem einzigen Jahr sind die Schulden des Staates gegenüber dem Vorjahr gesunken. Ob es uns gut geht oder schlecht, immer werden noch mehr Schulden gemacht. Mehr noch: Die Schulden steigen wesentlich schneller als die Wirtschaftsleistung. Kamen die ersten Bundesregierungen stellenweise noch mit einer Staatsverschuldung von unter 20 % des BIP aus, geht es seit den 70ern steil bergauf. Inzwischen sind es über 75 % des BIP, offiziell jedenfalls. Und wie sollen diese Schulden jemals zurückgeführt werden, wenn man schon Mühe hat, die Neuverschuldung zu begrenzen? Häuslebauer sind langfristig auch keine großen Tilgungsmeister. Aber immerhin beginnen sie die Tilgung im Schnitt mit 1 % pro Jahr. Will man sich den schwäbischen Häuslebauer mal als Maßstab für bundesdeutsche Finanzpolitik nehmen, so dürfte zum Beispiel der Bundeshaushalt keine Neuverschuldung von 48,4 Mrd. € ausweisen. Sondern müsste mindestens 18,9 Mrd. € Nettotilgung erwirtschaften. Besser wären 33 Mrd. € Nettotilgung, damit auch die Pensionsschulden in Angriff genommen werden könnten. Würde sich die Politik das trauen? Vermutlich bekämen wir Unruhen wie die Griechen. Doch wohin soll unsere Entwicklung führen, wenn wir über 50 Jahre lang nichts tilgen? Über den öffentlichen Dienst in Griechenland erzählt der finnische EU-Wäh-rungskommissar Olli Rehn im Spiegel, die griechische Regierung solle nur noch jeden fünften pensionierten Beamten ersetzen. Auch wir haben gute Gründe, über Kosten und Qualität unseres Beamtenapparats kritisch nachzudenken. Und die Opfer der Staatsschuldenkrise? Das sind vor allem die Vorsorgesparer und ihre Berater. Im Schnitt der vergangenen 50 Jahre standen bei einer durchschnittlichen Umlaufrendite von 6,48 % ausreichend Zinserträge für auskömmliche Überschussbeteiligungen der Vorsorgesparer zur Verfügung. Doch mit dem Verschuldungs-ausbruch ab 1995 gingen die Zinsen in die Knie: 4,23 % ab 1995, 3,91 % ab 2000. Die heftige Explosion der Staatsverschuldung dürfte die Versicherten rund 145 Mrd. € Zinsgewinne gekostet haben. Der neue map-report 774 zum Thema „Kapitalabfindungen im 20-Jahres-Vergleich“ zeigt den Rechenweg. Inzwischen war am Zinsmarkt eine erste Erholung in Sicht. Doch die griechischen und US-Probleme brachten Rückschläge. Der Irrsinn geht im Boom weiter: 269 Mrd. € neue Kredite sind aufzunehmen zur Umschuldung fällig gewordener Papiere... (Erschienen im Juni 2011)
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